ESRS E5 Ressourcennutzung & Kreislaufwirtschaft: Der umfassende Compliance-Leitfaden
Die Corporate Sustainability Reporting Directive (CSRD) verpflichtet zwischen 15.000 und 20.000 Unternehmen in der EU, ab 2026/2027 ihre Nachhaltigkeitsberichte nach den European Sustainability Reporting Standards (ESRS) zu veröffentlichen. Ein zentraler Bestandteil dieser Richtlinie ist ESRS E5, der Standard für Ressourcennutzung und Kreislaufwirtschaft.
Die entscheidende Tatsache: In rund 90% der betroffenen Unternehmen liegen prüfbare, belastbare Materialdaten nicht vor. Nicht aus mangelndem Willen, sondern weil bestehende ERP-, Produktions- und ESG-Systeme für eine so granulare Materialflussanalyse nicht gebaut sind.
ESRS E5 ist der EU-Berichtsstandard für Ressourcennutzung und Kreislaufwirtschaft – Teil des European Green Deals. Der Standard zielt darauf ab, die lineare Wirtschaft („Take-Make-Dispose") in Richtung Kreislaufwirtschaft zu transformieren.
Unternehmen müssen offenlegen: wie viel Material sie einsetzen, wie viel Abfall sie erzeugen, und wie kreislauffähig ihr Geschäftsmodell tatsächlich ist – als prüfbare, belastbare Zahlen mit dokumentierter Datenherkunft.
Die sechs Hauptanforderungen von ESRS E5
IR0-1: Impact & Risk Management
Prozesse zur Identifikation materieller Auswirkungen, Risiken und Chancen in der Wertschöpfungskette
E5-1: Policies
Richtlinien zur Transition weg von Primärrohstoffen, nachhaltige Sourcing-Strategien und Abfallhierarchie
E5-2: Actions & Resources
Konkrete Maßnahmen zur Ressourceneffizienz, Circular Design und kreislaufwirtschaftliche Geschäftsmodelle
E5-3: Targets
Messbare, wissenschaftsbasierte Ziele mit Bezug zu ökologischen Grenzen und der Wertschöpfungskette
E5-4: Resource Inflows
Gesamtgewicht aller Materialien nach Typ, Kritikalität, Erneuerbarkeit und Sekundärrohstoff-Anteil
E5-5: Resource Outflows
Abfallmengen nach Verwertungsweg, Produktlebensdauer, Reparierbarkeit und Recyclingfähigkeit
Kritisches Problem
Das zentrale Datenproblem: Warum bestehende Systeme nicht ausreichen
Die Herausforderung ist nicht strategisch, sondern technisch-operativ. Bestehende Systeme waren für lineare Wirtschaft und Finanzberichterstattung optimiert, nicht für Kreislaufwirtschaftsberichterstattung.
1
ERP-Systeme
Erfassen Einkaufskategorien, keine physikalischen Materialflüsse
Gewichtsdaten fehlen oder sind unvollständig
Rezyklatanteile nicht auf SKU-Schärfe dokumentiert
Sekundärrohstoffe als Einkauf sichtbar, nicht als Material-Input messbar
2
Produktions- & MES-Systeme
Daten verteilt über MES, SCADA, verschiedene Plattformen
Keine durchgängige Massenbilanz (Input ≠ Output + Abfall)
Prozessverluste nicht systematisch dokumentiert
Qualitätsunterschiede über Produktionsstandorte
3
Abfall- & Entsorgungssysteme
Daten als PDFs, Jahresnachweise, externe Berichte
Keine systemische Integration mit operativen Prozessen
Fehlende Nachvollziehbarkeit über mehrere Jahre
Unzureichende Dokumentation von Entsorgungswegen
4
ESG & Reporting-Tools
Dashboard-Anwendungen ohne validierten Input
ESG-Berater liefern Texte, nicht operative Datenerhebung
Keine Perpetual-Compliance-Struktur
Lücken zwischen Reporting und operativer Datenerzeugung
Warum das zu Auditrisiken wird
Wirtschaftsprüfer verifizieren:
Datenherkunft: Wo kommen die Zahlen her?
Nachvollziehbarkeit: Wie wurden Annahmen getroffen?
Konsistenz: Passen die Zahlen mehrere Jahre zusammen?
Plausibilität: Sind Massenbilanzen physikalisch konsistent?
Belastbarkeit: Sind Schätzungen dauerhaft haltbar?
Konsequenzen für Geschäftsführung:
Haftungsrisiken für fehlerhafte Berichterstattung
Rückfragen kurz vor Veröffentlichung
Zeit- und Kostenexplosion
Mögliche Audit-Qualifikationen
Regulatorische Konsequenzen und Bußgelder
Zeitplan
Die zeitliche Dimension: Wer ist wann betroffen?
Die CSRD-Berichtspflicht entfaltet sich in Wellen. Der Countdown hat bereits begonnen.
1
Phase 1: Berichtsjahr 2024
Ab 2025 zu berichten
PIU (Public Interest Entities) und große Unternehmen (Bilanzsumme > €25 Mio, Umsatz > €50 Mio, Beschäftigte > 250). Etwa 500 Unternehmen in Österreich.
2
Phase 2: Berichtsjahr 2025
Ab 2026 zu berichten
Kleine und mittlere Unternehmen (KMU) – erste Welle: Bilanzsumme > €450.000, Umsatz > €900.000, Beschäftigte > 10. Etwa 2.500–3.500 KMU in Österreich.
3
Phase 3: Berichtsjahr 2026
Ab 2027 zu berichten
Weitere KMU-Ausweitung und vollständige Implementierung der CSRD-Anforderungen.
Kritische Datenpunkte für E5-4 & E5-5
Ab Berichtsjahr 2025/2026 müssen folgende Daten prüfungsfähig vorliegen:
Anforderungen
Normative Anforderungen: Was die Prüfer wirklich erwarten
01
Daten-Sourcing-Dokumentation
Direkte Messung vs. Schätzung, Annahmen und deren Begründung, Genaugkeitsstufen und Unsicherheiten, Quellenangaben (Lieferscheine, Messprotokolle, Zertifikate)
02
Berechnungstransparenz
Dokumentierte Formeln und Konversionsfaktoren, Abgrenzungskriterien, Behandlung von Datenüberschneidungen (Vermeidung von Double-Counting)
03
Konsistenz und Audit Trail
Vergleichbarkeit mit Vorjahren, Nachvollziehbarkeit von Mengenänderungen, Dokumentation von Verbesserungen in der Datenqualität
04
Materiell-spezifische Anforderungen
Critical Raw Materials nach CRM-Liste, biologische Materialien mit Zertifikation, Rezyklate/Sekundärmaterialien mit Herkunftsnachweis
Häufige Fehler und deren Konsequenzen
Schätzungen statt direkter Messung
Fehler: Schätzungen auf Basis von Durchschnittswerten
Lösungsansatz: Data Architecture für ESRS E5 Compliance
Unternehmen, die ESRS E5 erfolgreich umsetzen wollen, brauchen nicht nur Strategie und Software, sondern eine technisch-operative Datenarchitektur, die unterhalb des Reports ansetzt.
Der Circular Data Architect Ansatz
Strukturierung realer Materialflüsse
Einkauf → Produktion → Lagerung → Versand. Produktionsabfälle und Prozessverluste. End-of-Life und Entsorgungsweg. Supplier-Level Transparenz.
Harmonisierte Materialklassifikation, eindeutige Zuordnung zu ESRS E5 Kategorien, Verfolgbarkeit von Sekundärrohstoffen, Massenbilanz-Validierung.
Prüfungsbereitschaft
Dokumentation der Datenherkunft, Annahmen und deren Begründung, Audit-Trails für Nachverfolgung, jährliche Datenaktualisierung und -validierung.
Compliance-Kontinuität
Nicht als One-Time-Projekt, sondern als laufender Prozess. Prozessoptimierung und Datenqualitätsverbesserung. Anpassung an regulatorische Änderungen.
Wirtschaftliche Vorteile einer Datenarchitektur-Lösung
Direkte Kosteneinsparungen
Material-Kosten: Transparenz über Materialflüsse ermöglicht Optimierung
Abfallkosten: Reduzierung von Verlusten, bessere Entsorgungsoptimierung
Audit-Kosten: Weniger Nachbesserungen, schnellere Prüfungen
Operative Effizienzen
Bessere Ressourcenplanung und -prognosen
Identifikation von Zirkularitätsschancen
Optimierung der Lieferkette
Strategische Vorteile
Banken & Finanzierung: Verbessertes ESG-Rating
Kunden & B2B: Nachweisbare Nachhaltigkeit
Lieferanten: Optimierte Einkaufskonditionen
Mitarbeiter: Engagement durch sichtbare Ergebnisse
Zukunftssicherung
Vorbereitung auf PPWR ab August 2026
Alignment mit GRI-Standards und ISSB
Wettbewerbsvorteil durch zirkuläre Innovation
Kontext
ESRS E5 im Kontext der CSRD & Green Deal
ESRS E5 steht nicht isoliert. Ressourcennutzung und Kreislaufwirtschaft sind integraler Bestandteil der Nachhaltigkeitsstrategie und verbunden mit anderen Standards.
E1 Climate Change
Materialeffizienz reduziert CO₂, Energieeinsatz in Produktion
E2 Pollution
Abfallmanagement, gefährliche Stoffe in Materialeinsatz & Abfall
E3 Water & Marine
Wassereinsatz in Ressourcen-Inflows; Abwasser aus Produktion
E4 Biodiversity
Rohstoff-Sourcing und Landnutzung (biologische Materialien)
S1 Own Workforce
Sichere Handhabung von Materialien und Abfall, Gesundheit
S3 Communities
Negative Auswirkungen durch Abfall und Ressourcenabbau
Regulatorischer Horizont 2026
ESRS E5 ist nicht isoliert – es ist Teil eines wachsenden regulatorischen Netzes:
PPWR
Packaging & Packaging Waste Regulation ab August 2026: umfassende Dokumentationen für Verpackungshersteller
CSDDD
Corporate Sustainability Due Diligence Directive: Menschenrechts- und Umwelt-Due-Diligence ab 2027
Alle Annahmen, Schätzungen, Korrekturen dokumentiert
5
Prüfungsreihe
Excel-Annahmen minimiert, Systeme als Quelle bevorzugt
6
Compliance
Mit ESRS E5 Anforderungen und Anwendungsrichtlinien abgestimmt
FAQ
Häufig gestellte Fragen (FAQ) zu ESRS E5
Muss mein Unternehmen ESRS E5 berichten?
Ja, wenn Sie unter die CSRD fallen (große Unternehmen ab 2025, KMU ab 2026). Ausnahmen gibt es nur für Kleinstunternehmen oder wenn "Resource Use & Circular Economy" nicht materiell für Ihr Geschäft sind – was selten der Fall ist.
Können wir E5 mit Schätzungen erfüllen?
Kurzfristig vielleicht, aber das ist riskant. Wirtschaftsprüfer prüfen die Herkunft von Daten. Schätzungen auf Basis von Branchendurchschnitten halten selten einer Audit-Prüfung stand. Direktmessungen sind dauerhaft haltbar.
Welchen Datenbeschaffungsaufwand sollten wir einplanen?
Die ersten 6–12 Monate erfordern signifikanten Aufwand (Datenaudit, Systemintegrationen, Supplier-Engagement). Dann wird es Routine. Budget realistisch: 50–150k EUR, abhängig von Komplexität.
Was ist mit Lieferanten-Daten?
Ja, Sie können diese verlangen. Direkter Materialeinsatz können Sie selbst erfassen. Aber für Upstream-Auswirkungen müssen Sie mit Lieferanten zusammenarbeiten. Best Practice: Strukturierter Datenbeschaffungs-Prozess mit klaren Anforderungen.
Wie integriert sich E5 mit PPWR?
PPWR ab August 2026 wird noch granularer als ESRS E5. Wenn Sie heute E5-Daten strukturieren, sind Sie morgen bereit für PPWR. Mit E5-Daten können Sie PPWR-Anforderungen eher erfüllen.
Können wir externe ESG-Berater beauftragen?
Ein Berater kann bei Strategie und Dokumentation helfen, aber nicht bei operativer Datenerfassung. Die Daten entstehen in Ihren Prozessen. Das kann kein externer Berater für Sie machen. Sie brauchen interne Ownership.
Was sind die Konsequenzen eines fehlerhaften Reports?
Audit Qualifikation, Nachbesserungen kurz vor Veröffentlichung, regulatorische Bußgelder (bis zu 5% Umsatz), Vertrauensverlust bei Stakeholdern, Corporate Governance & Haftungsrisiken.
Fazit: Handeln Sie jetzt
90%
Unternehmen nicht vorbereitet
80-90% der betroffenen Unternehmen haben keine prüfbaren Materialdaten
2026
Reporting-Deadline
Erste große Welle der CSRD-Berichtspflicht für KMU
6-12
Monate Vorlaufzeit
Notwendige Implementierungszeit für robuste Datenarchitektur
Die Zeit zum Handeln ist jetzt. Unternehmen, die heute mit E5-Datenstrukturen starten, werden Audits sicherer bestehen, operative Effizienzgewinne realisieren, besser auf PPWR vorbereitet sein und sich wettbewerblich differenzieren.
Nächste Schritte
01
Gap-Analyse durchführen
Wo stehen Sie heute mit Ihren Materialdaten?
02
Datenquellen-Mapping
Welche Systeme haben welche Daten?
03
Roadmap erstellen
Wie bauen Sie Dateninfrastruktur auf?
04
Mit Lieferanten sprechen
Welche Daten können sie liefern?
05
Interne Teams trainieren
Wer trägt Verantwortung für die Umsetzung?
Weiterführende Ressourcen
Offizielle Standards
EFRAG – ESRS E5
CSRD Richtlinie EU 2022/2464
Delegierte Verordnung EU 2023/2772
Guidance & Tools
EFRAG FAQ & Factsheets
European Commission CSRD Guidance
Science-Based Targets Initiative
Nationale Ressourcen (AT)
WKO – ESRS Leitfaden
Kammer der Steuerberater (KSW)
APAB Aufsichtsbehörde
Über diesen Leitfaden: Basierend auf offiziellen ESRS E5 Standards (EU Delegated Act 2023/5303), aktueller Forschung und praktischer Implementierungserfahrung. Stand: Januar 2026.
Für spezifische Beratung zu Ihrer ESRS E5 Implementierung kontaktieren Sie Nachhaltigkeitsexperten oder zertifizierte CSRD-Berater in Ihrer Region.